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Shark Info 2 / 99   (15.06.1999)

Author

  Intro:

Ökonomische und ökologische Aspekte des Haitourismus

Shark Info

  Hauptartikel:

Unterwasserparks: ökonomische und ökologische Aspekte

Shark Info

  Artikel 1:

Gefährdete Kinderstuben

Dr. T. E. Hopkins

  Artikel 2:

Requiem für die Schillerlocken

Dr. A. J. Godknecht

  Artikel 3:

Aggressive Haie - Realität oder Fantasie?

Dr. E. K. Ritter

  Fact Sheet:

Dornhaie

Shark Info


Requiem für die Schillerlocken

Von Dr. Alexander J. Godknecht

Dornhai

Der Dornhai (Squalus acanthias). Bedrohter Lieferant von Schillerlocken und Seeaal.

© Shark Info / J. Brümmer

Der gewöhnliche Dornhai, wissenschaftlich Squalus acanthias, ist bei uns sicherlich ebenso bekannt wie seine grösseren Verwandten, die Weissen Haie, Makos oder Tigerhaie. Wir kennen ihn allerdings besser unter seinen kulinarischen Synonymen wie «Schillerlocke», «Seeaal», «Kalbfisch», «Seestör» oder als den «Fish» von «Fish & Chips». Er erscheint hauptsächlich geräuchert, aber auch gedünstet oder gekocht auf unseren Speisekarten, und nur wenigen ist bewusst, dass es sich bei dem «Fisch» auf unserem Teller um einen Hai handelt. «Geniessen» Sie Ihre letzten Schillerlocken, denn bald werden unsere Speisekarten ein paar Zeilen kürzer und unsere Küche um ein paar Fischgerichte ärmer sein. Die Schillerlocken und der Seeaal werden verschwinden wie der Dodo und die Riesenschildkröten. Bald werden wir die letzten einfach aufgegessen haben.

Raubbau an den Dornhai Beständen

An den Dornhai-Beständen wird seit Jahren Raubbau betrieben. Die Dornhaie für unsere Küchen kommen schon lange nicht mehr aus ihren europäischen Verbreitungsgebieten, dem östlichen Atlantik, der Nord- oder Ostsee, dort werden sie meistens nur als Beifang gelandet. Die qualitativ besten Dornhaie kommen aus Übersee. Frisch oder tiefgekühlt werden sie per Flugzeug zum Beispiel von der Ostküste der USA und Kanadas eingeflogen. Allein Deutschland importierte bis 1998 jährlich durchschnittlich 1 700 Tonnen Dornhai aus den USA. Doch diese Tonnagen sind trügerisch und sie gehen bedenklich zurück.

Die trügerischen Tonnen

Eine konstante Fangquote gilt als Indiz für intakte Bestände, so argumentieren zumindest viele Fischereibehörden, die es eigentlich besser wissen sollten. Eine bestimmte Tonnage setzt sich jedoch immer aus Individuen zusammen und ist direkt von deren Grösse und Gewicht abhängig. So entsprechen 1 700 Tonnen rund 740 000 Dornhaien.

Bis anhin fingen die Dornhaifischer in den USA selektiv. Die Maschenweite ihrer Netze bestimmte hierbei die Grösse der gefangenen Tiere. Nur so konnten sie den Ansprüchen des Marktes gerecht werden, für den ein «richtiger» Dornhai im Durchschnitt 2.3 kg wiegt und etwa 83 cm lang sein sollte (dies entspricht einem durchschnittlich grossen, geschlechtsreifen Weibchen).

Dornhai

Frischer Seeaal und Schillerlocken. Bald werden sie eine Rarität sein.

© Shark Info / J. Brümmer

Doch was passiert, wenn diese Grösse nicht mehr geliefert werden kann? Es wären keine rechten Fischer, wenn sie die Nachfrage nicht voll ausnutzen würden, denn schliesslich leben sie ja vom Verkauf ihrer Fänge. Man lässt also 3 gerade sein und beliefert den Markt mit entsprechend mehr, aber kleineren Exemplaren. Die Folgen sind beunruhigend, « … wo früher eine Dornhai-Seite für eine Schillerlocke genügte, müssen wir heute oft 2 Seiten ineinander verdrehen, um die erforderliche Marktgrösse erreichen zu können … » klagt zum Beispiel Jens Brümmer von der norddeutschen Fisch-Räucherei G. F. Wendt GmbH. « … diese Methode kann beim Seeaal natürlich nicht angewendet werden und es werden oft entsprechend kleinere Exemplare am Markt angeboten».

Die biologische Zeitbombe tickt

Bei einer um 20% geringeren Durchschnittsgrösse müssen 185 000 Dornhaie mehr gefangen werden, nur um die 1 700 Tonnen für den deutschen Markt zu erreichen. Kleinere Fanggrössen bedeuten zudem, dass vermehrt junge, noch nicht geschlechtsreife Tiere gefangen werden. Dies ist für Haie besonders kritisch, denn entgegen der gängigen Meinung sind Haie nicht mit den Fischen verwandt und haben eine ganz andere Fortpflanzung und Lebensweise. Haie bringen nicht Tausende, sondern 2, 4, vielleicht 10, sehr wenige Arten 20, Junge zu Welt. Hinzu kommt die wesentlich längere Schwangerschaft und Zeit bis zur Geschlechtsreife. Ausgerechnet die Dornhaie haben wohl eine der schlechtesten Voraussetzungen in dieser Hinsicht. Sie haben zwar ca. 20 Nachkommen pro Wurf, doch wird die Geschlechtsreife erst zwischen 20 und 30 Jahren erreicht, und eine Schwangerschaft dauert jeweils 22 Monate (Literaturhinweise im Fact Sheet dieser Ausgabe). Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tier gefangen wird, bevor es auch nur einmal Nachkommen produzieren konnte, ist entsprechend hoch. Doch gerade dieses «einmal Junge bekommen» ist die biologisch wichtigste Voraussetzung für den Weiterbestand einer Art.

Noch weit gravierender wirkt sich ihr Gruppenverhalten aus. Dornhaischwärme treten meist geschlechtsgetrennt auf, also in Schwärmen von ausschliesslich Weibchen oder ausschliesslich Männchen. Ein einziger Fischzug kann alle geschlechtsreifen oder bereits schwangeren Weibchen eliminieren.

Schon heute ist offensichtlich, dass die importierten Dornhaie nicht nur kleiner werden, sondern es werden auch immer weniger. Man kratzt schon jetzt am Boden des Fasses. Bis April 1999 wurden erst magere 57 Tonnen Dornhai nach Deutschland importiert, 3% der durchschnittlichen Vorjahresimporte. Dies liegt nicht etwa an mangelnder Nachfrage. Bestes Indiz dafür sind die Preise, denn knappe Rohstoffe bei hoher Nachfrage treiben sie in die Höhe. So sind in Deutschland allein im ersten Quartal 1999 die Preise für Tiefkühl-Dornhai um 25% gestiegen. « ...das wenige, was auf den Markt kommt, wird... » nach J. Brümmer « ... bald zu einem sehr raren und teuren Artikel».

Notbremse

Vielleicht zu spät und - wie immer - zögerlich reagieren nun auch die zuständigen US-Behörden auf die alarmierenden Zeichen. Sie planen eine Reduktion der Fangquoten für Dornhaie in den US-Hoheitsgewässern um 50%, von jährlich 20 000 Tonnen auf 10 000 Tonnen. In einem weiteren Schritt soll die direkte Fischerei sogar ganz verboten werden. Diese Weisung des «Department of Commerce» könnte aber frühestens im kommenden November in Kraft treten und wird von verschiedenen Interessensgruppen vehement bekämpft. Ob diese Notbremse noch rechtzeitig gezogen wird, wird die Zukunft zeigen müssen.

Düstere Aussichten für die Dornhaie.

Shark Info bedankt sich bei Herrn Jens Brümmer von der norddeutschen Fisch-Räucherei G.F. Wendt GmbH für seine Mithilfe bei den Recherchen und die Dornhaiphotos.

* Dr. Alexander J. Godknecht ist Biologe, Präsident der Hai-Stiftung / Shark Foundation und Mitglied der Shark Info Redaktion. Er arbeitet am Zentrum Informatikdienste der Universität Zürich.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. Alexander J. Godknecht



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modifiziert: 06.12.2009 12:52 / go