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Shark Info 3 / 96   (12.11.1996)

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  Intro:

Haiangriffe: Irrtum

Shark Info

  Hauptartikel:

Haiangriffe - Menschenangriffe

Shark Info

  Fact Sheet:

Das Seitenliniensystem der Haie

Dr. J. G. New


Haiangriffe - Menschenangriffe

Bericht Shark Info

Tigerhai

Foto: Tigerhai     © Shark Info / Doug Perrine

Dieses Bild ist mit einem elektronischen Wasserzeichen versehen.

Jedes Jahr werden dem «International Shark Attack File» (ISAF) in Florida weltweit zwischen 50 und 75 Haiangriffe auf Menschen gemeldet; fünf bis zehn davon enden tödlich. Das ISAF wird von professionellen Haiforschern unterhalten, existiert seit 1958 und hat bis heute über 2700 Haiunfälle dokumentiert; der älteste datiert aus dem 16. Jahrhundert. Bei näherem Betrachten ist nicht der Hai, sondern der Mensch der Übeltäter - Menschenangriffe.

«Haiumleitung» in Recife

Angriffe von Haien sind in aller Regel menschengemacht. Das zeigt besonders eindrücklich ein Beispiel aus Brasilien: Von September 1992 bis August 1995 wurden vor Recife im gleichen zehn Kilometer langen Küstenabschnitt, wo es vorher nie Haiunfälle gab, zwanzig Attacken registriert ; zwei Surfer und vier Schwimmer verloren dabei ihr Leben. Die beiden neuesten Ereignisse datieren vom vergangenen 28. Oktober 1996, als zwei Surfer - vermutlich von einem Bullenhai - verletzt worden sind. Untersuchungen der Universität von Pernambuco bei Recife und ein internationaler Workshop von Haispezialisten ermittelten eine neu errichtete Hafenanlage in der Nähe als wichtigste Ursache für die Unfälle. Die Anlage brachte eine Zerstörung von Biotopen mit sich; als Folge wurden die Beutefischpopulationen der Haie in die Baderegion verdrängt. Die Zunahme des Schiffsverkehrs brachten zudem vermehrte Abfälle und mehr künstliche Schwingungen mit sich, auf die Haie reagieren. Die Untersuchungen zeigten, dass die Anzahl der Schiffe mit der Anzahl von Haiattacken in einem hohen Mass übereinstimmt (p< 0.001). Als weitere Gründe sind aufgeführt worden: eine Zunahme von Badenden; Garnelen-Fischer, die unter allen Fischereizweigen den grössten Beifang haben und diesen über Bord werfen sowie bis ans Ufer reichende Unterwassertäler. Das Ausbaggern des Hafensbeckens führte ausserdem zu Strömungsveränderungen, die oft Änderungen des Nahrungsangebotes bewirken.

Nur wenige können gefährlich werden

Nur einige wenige der rund 380 Arten können wirklich gefährlich werden. Von den 2700 im «International Shark Attack File» verzeichneten Unfällen ist nur bei einigen hundert nachweisbar, welche Art involviert war. Bis heute sind deren 44 in Unfälle verwickelt worden; die meisten jedoch mehr oder weniger als Einzelfälle. An der Spitze steht der Weisse Hai (Carcharodon carcharias). Seit 1958 bis heute verzeichnet das ISAF 205 Unfälle mit dem Weissen. Es folgen mit je 42 Unfällen der Gemeine Grund- oder Bullenhai (Carcharhinus leucas) und der Sandtiger (Carcharias taurus), der Schwarzspitzenhai (Carcharhinus limbatus) mit 14, der Schwarzspitzen-Riffhai (Carcharhinus melanopterus) mit 13 und der Blauhai (Prionace glauca) mit 12 Unfällen, in die Menschen involviert waren. Darunter sind der Weisse Hai, der Gemeine Grundhai und der Tigerhai (Galeocerdo cuvier) für die meisten unprovozierten Unfälle verantwortlich. Der Sandtiger ist nur scheinbar aggressiv; hinter den bisher registrierten Unfällen stecken meist Belästigungen durch den Menschen.

Weitere populäre Haiarten, die im ISAF vermerkt sind: Der Grosse Hammerhai (Sphyrna mokarran), der Mako (Isurus oxyrhinchus), der Weissspitzen-Hochseehai (C.longimanus) sowie gewisse Riffhaie wie der Karibische Riffhai (C. perezi).
Dass Weisse Haie, Tiger- und Gemeine Grundhaie sowie Sandtiger in die meisten der Unfälle involviert sind, liegt einerseits an deren Grösse (Weisser Hai: bis acht Meter, Gemeiner Grundhai bis 3,5 Meter) und daran, dass sie auch in küstennahen Gewässern leben und jagen, dort also, wo sich der Bade- und Surfbetrieb abspielt.

Bei Haiattacken wird zwischen provozierten und nicht bewusst provozierten unterschieden. Als nicht provoziert gelten Unfälle, bei denen nicht kontrollierbare Faktoren im Spiel sind und bei denen der Mensch dem Hai keinen offensichtlichen Anlass gibt, zuzubeissen. Bei provozierten Angriffen gehören zum Beispiel Geräusche, hastig-nervöse Bewegungen, glitzernde Gegenstände, Metallteile oder Blut zu den angriffsauslösenden Faktoren.

Aus vielen Regionen der Erde liegen keine Meldungen über Haiattacken vor. Das bedeutet jedoch nicht, dass es dort keine gibt; der Grund liegt an den Lücken im Informationssystem. Dass im ISAF auch keine Haiattacken aus der Nordsee vermerkt sind, hat andere Gründe: Mit Ausnahme von Blauhaien und einigen wenigen anderen Arten kommen dort nur Tiere vor, die dem Menschen nicht gefährlich werden. Ausserdem hat die Nordsee der relativ kalten Temperaturen wegen lediglich einen beschränkten Badebetrieb.

Mittelmeer: wichtiges Biotop für den Weissen Hai

Aus dem Mittelmeer wurden dem ISAF seit 1958 insgesamt 27 Unfälle gemeldet. Acht davon gehen auf das Konto von Weissen Haien, einer ist von einem einem Blauhai verursacht worden. Einige Regionen des Mittelmeeres scheinen ihrer Temperaturen und Flachgewässern wegen ideale Geburtsstätten für den Weisse Hai zu sein. Dazu gehört die Strasse von Messina bei Sizilien, wo diese Tiere immer wieder beobachtet werden. Von dort existieren Berichte über gefangene Jungtiere mit einer Länge von 1,20 bis 1,80 Meter (Geburtsgrösse: 1,20 Meter); es sind Masse, die eine Geburtsregion vermuten lassen. Bist heute sind im Mittelmeer 123 Sichtungen des Weissen Hais verbürgt; erste Beschreibungen stammen aus dem Jahre 1878 aus der Region Valencia. Im Mittelmeer wurde auch einer der weltgrössten Weissen Haie gefangen; 1987 landete Alfred Cutajar vor Malta angeblich ein 7,13 Meter langes weibliches Tier. Nach neuesten Erkenntnissen sind solche Längenangaben möglicherweise überhöht. Laut Dr. Gordon Hubbell, anerkannter Spezialist für Weisse Haie, beträgt die wissenschaftlich verbürgte Messung des bisher grössten gefangenen Weissen Hais nicht mehr als sechs Meter. Doch muss aufgrund von Modellen und Rückberechnungen angenommen werden, dass es Tiere bis zu sieben Meter Länge gibt.

40 Milliarden mal Baden

Zusammengezählt gehen Menschen weltweit vierzig Milliarden Mal zum Schwimmen und Plantschen in eines der Meere. Die dabei geschehenden Haiunfälle nehmen sich dabei eher bedeutungslos aus. So wurde errechnet, dass es in den USA dreissig Mal wahrscheinlicher sei, von einem Blitz getroffen zu werden, als einem Hai ins Gebiss zu geraten.) Je nachdem, welche Vergleiche und Statistiken man bemüht, gilt es, zu relativieren. Auf jeden Fall steht die Anzahl der Haiunfälle in keinem Verhältnis zum Medienecho und zur Hysterie, die sie jeweils auslösen. Ein weiterer Vergleich: In Deutschland sterben jedes Jahr gegen zehntausend Menschen nach Verkehrsunfällen, in der Schweiz sind es gegen 700 Todesopfer.

Abgesehen von eventuellen Revier-Verteidigungen geschehen Haiangriffe auf Menschen in aller Regel irrtümlich. Mit im Spiel sind elektromagnetische Felder und Schwingungen sowie fehlinterpretierte visuelle Reize. Haie können bioelektrische Felder und Schwingungen wahrnehmen, wie sie auch von Booten, Motoren, Unterwassergeräten oder im Wasser plantschenden Menschen erzeugt werden. Es sind Signale, die dem Hai eine normale Beute vorgaukeln und deshalb zu einem Angriff führen können. Dabei spielt es keine Rolle, dass das visuelle Bild vielleicht ungewohnt ist; denn die bioelektrische Wahrnehmung und Schwingungen dominieren und sind auslösender Faktor. Herumplantschende Menschen erzeugen in etwa dieselben Schwingungsfrequenzen (20 - 300 Hz) wie beispielsweise die Bewegungen verletzter Fische, auf die Haie äusserst sensibilisiert sind.

Angriffsformen

Drei mögliche Angriffsformen stehen im Vordergrund: «hit & run» (treffen und flüchten), «bump & bite» (rammen und beissen) und «sneak» (anschleichen und zubeissen).

«Hit & run» ist eine Attacke, bei der das Tier meistens nur einmal zubeisst und danach seine Beute loslässt, wenn sie nicht dem gewohnten Bild entspricht; bei Unfällen mit Menschen ist dies die typische Verhaltensweise. Bestätigt sind Hit & run-Unfälle mit Schwarzspitzen-, Spinner- (C. brevipinna) und Schwarznasenhaien (C. acronotus).

Eine «Bump & bite»-Attacke beinhaltet nahezu immer mehrere Angriffe. Dabei stösst der Hai das Opfer an (bump), vermutlich um es zu verscheuchen. Der Graue Riffhai Carcharhinus amblyrhinchus verändert dabei auch seine Körpersprache und macht als Warnsignal eine Drohgebärde, das sogenannte «Hunching». Das Tier nimmt eine bizarre Körperhaltung ein: es formt einen Buckel, drückt die beiden Brustflossen nach unten, stellt den Schwanz nach oben und schwimmt in einer schaukelnden Bewegung. Das Buckeln scheint mit dem Katzenbuckel vergleichbar: einerseits möchte die Katze vor der Gefahr flüchten, andererseits jedoch möchte sie ihr trotzen. Dies mit dem Effekt, dass sich der vordere Teil des Körpers zurückzieht, der hintere jedoch stehenbleibt. Ob das Buckeln beim Hai zur Revierverteidigung gehört, ist ungewiss, da bis heute noch umstritten ist, ob diese Meeresräuber wirklich Reviere besitzen. Wer dieses Warnzeichen missachtet, wird angegriffen und es kommt zum eigentlichen Bump & bite, das für ein Beutetier fast immer tödlich endet

«Sneak» ist eine Technik, die der Weisse Hai vor allem beim Angriff auf Seehunde einsetzt. Dabei wird das Opfer von jener Seite her angegriffen, von der der Jäger schlecht sichtbar ist - bei Seehunden von unten und hinten. Solche Angriffe laufen meist keineswegs schleichend ab, wie der Fachausdruck glauben liesse, sondern mit hoher Geschwindigkeit; das Opfer wird gebissen, nachher zieht sich der Hai wieder zurück. Das verhindert, dass das um sich schlagende Beutetier seinen Jäger verletzt. Ist die Beute durch Blutverlust genügend geschwächt, greift er erneut an. Sneak ist stets mit mehreren solcher Attacken verbunden und sie enden für Beutetiere immer tödlich.

Die wenigsten tödlich verlaufenden Haiunfälle müssten bei fachgerechter Hilfe so tragisch enden, da die meisten Opfer verbluten. Oft würden einfache, in jedem Erste Hilfe-Kurs vermittelte Methoden das Leben der Patienten retten.

Das Opfer ist der Hai

Haiangriff - der herkömmliche Wortsinn ist umzukehren. Denn: Jedes Jahr werden laut FAO 600 000 Tonnen Haie als «unnützer» Beifang weggeworfen - fast die Hälfe der schätzungsweise 1,3 Millionen Tonnen Haie, die pro Jahr gelandet werden. Der Beifang besteht oft aus jugendliche Tieren, wie Stichproben zeigten. Allein im Atlantik vernichten taiwanesische Flotten im Jahr etwa 34 000 Tonnen Haie.

Haie haben eine Evolutionsgeschichte von vierhundert Millionen Jahren hinter sich und sind in ihren Lebensräumen optimal angepasst. Die Konkurrenz des Menschen und sein aggressives Eindringen und Zerstören in die Ökosysteme der Meere war in diesem Konzept nicht vorgesehen.

Betroffene Sportarten

Von Haiunfällen betroffene Sportarten: In 34% aller bisher registrierten Haiunfälle waren Schwimmer involviert. Taucher: 23%. Im Wasser watende Menschen: 20%. Badende: 15%. Surfer: 8%

Statistik nach Regionen

In den Jahren 1990 bis 1995 wurden weltweit insgesamt 283 Unfälle mit Haien gemeldet; davon verliefen 14,1% (40 Ereignisse) tödlich.

Beispiele einiger Regionen:

Region Anzahl Angriffe Anzahl Todesfälle Anzahl Verletzte
Florida 92    0 (0%)    92 (100%)
Brasilien 32    6 (18.75%)    26 (81.25%)
Südafrika 28    3 (10.7%)    25 (89.3%)
Kalifornien 20    1 (5%)    19 (95%)
Hawaii 19    3 (15.8%)    16 (84.2%)
Neuseeland 8    3 (37.5%)    5 (62.5%)
La Réunion 6    3 (50%)    3 (50%)
Hongkong 6    6 (100%)    0 (0%)
Japan 5    3 (60%)    2 (40%)
 
Australien* 11    4    7*

* Daten unvollständig vorhanden.

Hubschrauber locken Haie an

Der amerikanische Haiforscher und Verhaltensbiologe Arthur Myrberg hat in den siebziger Jahren entdeckt, dass die Schwingungen von Hubschrauber-Rotorblättern für manche Hai-Attacken verantwortlich sind. Immer wieder wurde nämlich beobachtet, dass in Seenot geratene Opfer jeweils kurz vor ihrer Rettung von Haien angefallen werden just wenn der ersehnte Hubschrauber über den Köpfen schwebt. Die Schwingungen der Rotorblätter seien in etwa dieselben, so Myrberg, wie sie beispielsweise verletzte Fische erzeugen - und die mobilisieren die Haie. Es sind Druckwellen, die die Räuber der Meere mit dem sogenannten Seitenlinienorgan wahrnehmen - mit Abertausenden von Sinneszellen, einer Art von «Mini-Ohren». (Siehe dazu auch das Fact Sheet: Das Seitenliniensystem der Haie).

International Shark Attack File

Das «International Shark Attack File» (ISAF) befindet sich im Florida Museum of Natural History in Gainsville und wird vom Biologen George Burgess geleitet. Das ISAF ist eine Institution des American Elasmosbranch Society (AES), einer Organisation von professionellen Haiforschern. Die detaillierten Dokumente sind aus Persönlichkeitsschutzgründen nicht öffentlich zugänglich. Die Files enthalten zum Beispiel vertrauliche Obduktionsberichte, Interviews und Protokolle von Gerichtsmedizinern.

Die Entstehung des ISAF hängt mit dem grossen Interesse der Amerikaner an Haiangriffe zusammen. Während des Zweiten Weltkrieges gab es nämlich bei Schiffs- und Flugzeugunglücken immer wieder Haiangriffe. 1958 wurde deshalb in New Orleans eine Konferenz einberufen, die das Lancieren effizienter Haiabwehrmittel zum Ziel hatte. Im gleichen Jahr gründete eine aus der Konferenz hervorgegangene Arbeitsgruppe (Leitung: Perry W. Gilbert) das erste. Ziel: Haiangriffe weltweit erfassen und dokumentieren.

Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info



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modifiziert: 06.12.2009 12:52 / go